Die vier Kommunika­tionshaltungen von Virginia Satir: Kommuni­zieren Sie mal ganz anders!

01. November 2017, geschrieben von 

Konflikte entstehen oft dann, wenn sich Menschen so unterschiedlich verhalten, dass Verwirrung, Unklarheiten und damit Unsicherheiten entstehen. Häufig lösen wir genau solche Konflikte, indem wir „mehr vom Gleichen“ anbieten, wodurch sich der Konflikt im Zweifel nur verhärtet. Konflikten kann der Wind aus den Segeln genommen werden, wenn wir uns von den Vorstellungen „so rede ich“ oder „so bin ich“ entfernen und in der Folge anders kommunizieren.

Die Amerikanerin Virginia Satir ist bekannt für ihre Arbeit als Familientherapeutin. Sie beschreibt in einem von ihr entwickelten Kommunikationsmodell vier Kommunikationshaltungen, die – so Satir – in jeder Familie vertreten werden:

  1. Beschwichtigen
  2. Anklagen
  3. Rationalisieren und
  4. Ablenken.

Auf den ersten Blick vier gleichermaßen negative Haltungen, denen man ohne weiteres Konfliktpotential zuschreibt, gerade dann wenn sie miteinander kommunizieren. Wer nur den anderen für falsches Verhalten anklagt, nur mit Fakten argumentiert, nur beschwichtigt, um die Harmonie aufrecht zu erhalten oder sich „neben der Spur“ und abgelenkt über ganz andere Themen unterhält, löst leicht Konflikte aus. Das Modell von Satir wird aber dazu genutzt, die positiven Seiten eines solchen Verhaltens zu beleuchten und durch "Reframing" die Ressourcen bei diesen Verhaltensmustern herauszustellen.

Um das eigene Kommunikations- und Konfliktverhalten zu verändern, ist es hilfreich, wenn man zunächst einmal das vorhandene Verhalten erkennt. Dazu kann das Kommunikationsmodell von Satir genutzt werden, indem man es als Rollenspiel einsetzt: Die Rollenspieler dürfen jedes Verhaltensmuster einmal ausprobieren und nachher auswerten. Dadurch können u.a. eigene Muster und „Heimatgebiete“ erkannt werden, gleichzeitig kann ein ganz anderes Verhalten oder eine andere Rolle als die eigene ausprobiert werden. Nützlich sind solche Erkenntnisse in vielerlei Hinsicht: Sie helfen uns, eigene Muster sichtbar zu machen. Wenn man ein Verhalten in seinem äußersten Extrem aufführt, was in Rollenspielen erlaubt und sogar erwünscht ist, kann es Klarheit darüber verschaffen, wie es sich anfühlt, aber auch wie es bei den anderen in der Gruppe ankommt. Durch das Schlüpfenin eine andere Rolle kann man auch Verhaltensmuster anderer erkennen und verstehen: „Ach, so fühlt es sich an, wenn man am eigentlichen Gespräch gar nicht teilnimmt, sondern zu spät kommt, die Dokumente nicht oder nur unvollständig dabei hat und erstmal 10 Minuten über das schlechte Wetter und die verspätete S-Bahn redet und so vom Gespräch ablenkt“. Aha!

Man darf aber auch ohne sich in einer Rollenspielsituation zu befinden ein ganz anderes Verhalten ausprobieren als das vertraute. Vielleicht finden Sie heraus, dass Sie auch ganz anders kommunizieren können als bisher, vielleicht ist es eine Erleichterung, nicht (immer) die Rolle als Rationalisierer einzunehmen, und eine schöne Entspannung, mal von allem abzulenken…und möglicherweise hat das zur Folge, dass Ihr Gegenüber dann auch anders reagiert als bisher.

Mit diesem Rollenspiel habe ich gute Erfahrungen gemacht, vor allem, weil die Rollenspieler in der Auswertung schnell gegenseitiges Verständnis füreinander entwickeln und eben auch entdecken, wie leicht es sich anfühlen kann, sich anders zu verhalten. Bei verhärteten Konflikten kann es für die Protagonisten schwierig sein, die verschiedenen Rollen einzunehmen. Ich benutze das Rollenspiel vor allem in Trainings oder in Konfliktfällen, wo das Rollenspiel aber nicht zur Lösung des Hauptkonfliktes beitragen soll.

Mich würde interessieren, ob Sie mit ähnlichen Modellen oder Rollenspielen Erfahrungen gemacht haben, zum Beispiel mit Schulklassen? Ich könnte mir vorstellen, dass Kinder und Jugendliche weniger Scheu hätten, solche Rollen einzunehmen und anzusprechen, aber möglicherweise auch ein größeres unmittelbares Verständnis für die anderen Rollen und deren Hintergründe aufzubringen.

Letzte Änderung am 05. November 2017
Mette Bosse

…arbeitet freiberuflich als Coach, Konfliktmoderatorin und Teamentwicklerin und leitet u.a. Seminare zu Konfliktmanagement im Career Center an der Hamburger Universität. Ursprünglich als Juristin in der dänischen Zentraladministration tätig hat sie mehrfach im Ausland gelebt. Hier sammelte sie vielfältige Erfahrungen, wie sich unterschiedliche Kulturen zueinander verhalten und interagieren. Ihr Anliegen ist es Menschen und Teams auf deren Weg zu begleiten, um Ressourcen und neue Wege zu erkennen und so neue Handlungsoptionen zu erschließen. Zuversicht, Wertschätzung und Resonanz sind dabei ihre wichtigsten Wertegrundlagen. Selbstreflektion und kollegialer Austausch bereichern und beflügeln ihre Arbeit.

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