Mediationskompetenz im Alltag: Wie ich als Mediatorin zu streiten versuche, um den Zauber des Perspektivwechsels zu ermöglichen

22. Dezember 2019, geschrieben von 

Es gibt ein wissenschaftlich mittlerweile recht gut beforschtes Phänomen in Konflikten, das den konstruktiven Umgang mit Konflikten im Alltag leider sehr erschwert: Wenn wir uns von unserem Gegenüber nicht gehört und verstanden, sondern vielmehr in unserem Standpunkt angegriffen fühlen, dann sinkt mit dem Grad unserer Emotionalität im Konflikt unsere Fähigkeit zum Perspektivwechsel – und somit unsere Fähigkeit, andere zu hören und zu verstehen. Als leidenschaftlich emotionaler Mensch habe ich es in so einigen Selbstversuchen erfahren: An dieser Theorie ist tatsächlich etwas dran.

Was nun? Natürlich gehören Konflikte auch für uns Mediator*innen zum Alltag. Wir streiten nicht mehr oder weniger als andere Menschen auch. Wie aber können wir mit unserem Wissen als Mediator*innen unseren Alltagskonflikten anders begegnen?

Ich habe mich in den letzten Jahren darin erprobt, ganz bewusst erst zuzuhören, erst die Konfliktpunkte meines Gegenübers zu verstehen, erst das Leid der Anderen anzuerkennen, erst ihre Interessen zu hören, bevor ich in Konflikten damit beginne, meine Sicht der Dinge zu schildern. Und siehe da: Es wirkt Wunder. Wenn sich die andere Konfliktpartei von mir gehört und verstanden fühlt, ist in aller Regel auch die Bereitschaft da, mir in Ruhe zuzuhören.

Alles also ganz einfach? Nun ja… für diejenigen, die in Konflikten ruhig und gelassen bleiben, ist es vermutlich tatsächlich so einfach. Wer jedoch – wie ich – zu den Menschen gehört, die durchaus leidenschaftlich emotional in Konflikten werden, ist das offen gestanden so manches Mal leichter gesagt als getan:

Wenn ich nämlich erst einmal wütend und empört bin, dann bin ich es auch so richtig. Ruhig zuhören gehört in diesen Situationen nun wirklich nicht zu meinen Supertalenten. Bevor ich also mit meinem Gegenüber das konstruktive Gespräch suchen kann und zu all dem fähig bin, wovon ich ja nur zu gut weiß, dass es jetzt wirklich hilfreich wäre, muss ich schlicht erst mal Dampf ablassen. Am besten hilft es mir deshalb, geschätzte Kolleg*innen anzurufen und mich wahlweise auszumotzen oder auszuheulen. Einfach ungefiltert nach Strich und Faden zu jammern und zu zetern. – Das Tolle daran: Ich kann mir bei ihnen sicher sein, dass ich erst einmal vollumfängliche Anerkennung für mein Leid bekomme. Und mir danach geduldig dabei helfen, mich selbst zu klären, was meine Konfliktpunkte und Interessen sind. Nach so einem Gespräch habe ich auf wundersame Weise tatsächlich ein Interesse daran, dies auch vom meinem Gegenüber zu erfahren…

Wie stellen Sie im Alltag Ihr mediatives Zuhören sicher?

Letzte Änderung am 22. Dezember 2019
Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

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