Online-Mediation - echt jetzt?! Erste Erfahrungen aus der Praxis

18. April 2020, geschrieben von 

Ohne diesen Virus wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, online Konfliktbearbeitung anzubieten. Wenn ich mit den Beteiligten in einem Raum sitze, so höre und sehe ich die Konfliktparteien nicht nur, sondern spüre sie auch. Und nicht zu unterschätzen: Sie spüren sich ebenfalls. Häufig erinnere ich mich bei Mediationen an den emotionalen Wendepunkt: Den Moment, in dem sich geradezu magisch die Atmosphäre im Raum verändert, die Beteiligten sich wieder füreinander öffnen und feststellen, dass nicht der*die andere das Problem ist, sondern sie schlicht gemeinsam gravierende Probleme haben. Mir fehlt offen gestanden auch heute noch die Fantasie, wie das bitte online gehen soll.

Ich verdanke es somit dem Virus oder vielmehr hartnäckigen Konfliktparteien, die mich überredet haben, trotz meiner Zweifel Erfahrungen mit moderierten Konfliktgesprächen im virtuellen Raum zu sammeln. Mein Blick ist in den letzten Wochen differenzierter geworden, was in diesem Rahmen für mich möglich ist und was auch nicht.

Nach meinen ersten Erfahrungen hat sich meine Hypothese bestätigt, dass dieses Format nicht dazu eignet zu sein scheint, tiefgreifende Beziehungskonflikte transformativ zu bearbeiten. Womit ich dagegen gute Erfahrungen gemacht habe, sind interessensbasierte Konflikte zum Umgang mit konkreten Sachentscheidungen, die in Unternehmen und Organisationen oder Familien dringlich sind.

Für mich ist es mittlerweile keine Frage mehr, ob ich Online-Mediationen anbiete, sondern in welchen Fällen bzw. zu welchen Themen und wie ich meine Empfehlung gegenüber den Konfliktparteien kommuniziere.

Ich habe dabei die überraschende Erfahrung gemacht, dass in einer Mediation, die ich online fortgesetzt habe, die Konfliktparteien mir nach der Sitzung die Rückmeldung gaben, dass sie sich mit diesem Format wohler gefühlt hätten als mit der anderen Person im selben Raum. Bei diesen Mediand*innen handelt es sich um ein getrenntes Paar, das mit meiner Unterstützung ihr Nebeneinander in der Elternschaft aushandelt. Sie sind an einem zukünftigen Miteinander nicht interessiert, sondern möchten sich bestmöglich entflechten, um weiterhin gemeinsam Eltern bleiben zu können. Sie wollen ihre Verletzungen der Vergangenheit bewusst nicht aufarbeiten, sondern lediglich pragmatisch und zukunftsorientiert den bestmöglichen Umgang mit der Situation der geteilten Elternschaft finden. In dieser emotional für beide sehr belasteten Entflechtungssituation war die Online-Mediationssitzung nun offenkundig ein Segen, und ich kann mir vorstellen, dieses Format auch über die Krisenzeit hinaus Menschen in eskalierten Trennungs- und Entflechtungsprozessen anzubieten.

Bei meinen bereits gestarteten oder terminierten Mediationen war und ist meine Leitfrage: Was sollte für die Krisenzeit miteinander besprochen und vereinbart werden? Welche Entscheidungen sind dringlich, weil sie zeitnah getroffen werden müssen? Diese Themen kommen bei Bedarf in die Online-Krisenzeiten-Mediation. Hierbei ist das klar kommunizierte Ziel, die Arbeitsfähigkeit in Corona-Zeiten sicherzustellen.

Ich bin sehr gespannt auf Eure und Ihre Erfahrungen mit Mediationen im virtuellen Raum!

Letzte Änderung am 09. Mai 2020
Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

4 Kommentare

  • Kommentar-Link Savina Schlüter 20. April 2020 gepostet von Savina Schlüter

    Liebe Silke!
    Ich habe jetzt zwei Mediationen online gemacht und bestätige das, was du schreibst. Auch bei diesen Fällen ging es um die Weiterführung der parallelen Elternschaft. In beiden Fällen wohnen die Kontliktparteien in verschiedenen Städten. Das war daher für alle Beteiligten eine praktikable Möglichkeit.
    Und rief irgendwie zu mehr Disziplin und höherer Konzentration auf, war mein Eindruck. Ich bin letztlich begeistert von dieser weiteren Möglichkeit, bei der Konfliktbearbeitung zu helfen.
    Danke für Deine Zeilen, herzlich
    Savina

  • Kommentar-Link Annett 21. April 2020 gepostet von Annett

    Liebe Silke
    danke für diese spannende Initiative dieses Blogs. Ich habe bisher eine Mediation als Videokonferenz durchgeführt. Es war eine Gruppenmediation mit 10 Personen und es war die 3 Sitzung nach 2 persönlichen Treffen, die ich nur durchgeführt habe, da die Gruppe Zeitdruck hat bzgl. einer Entscheidung. Technisch schwierig war, dass nicht alle immer zu sehen waren, da wohl die Bandbreite des Internets nicht ausgereicht hat - also zu bedenken, wenn eine Gruppe zusammen lebt- wie bei meiner Mediation - dann sitzen sie natürlich alle in einem Haus bei der Videokonferenz und das beeinträchtigt die Übertragungsstärke.
    Inhaltlich sehe ich die online-Mediation bisher nur als eine absolute Notlösung aus den von Silke bereits genannten Gründen. Gleichwohl hatte auch ich das feedback einer Teilnehmerin, dass sie froh war mit dem Format, da sie in einer stark emotionalen Situation ihre Kamera ausschalten konnte und sich somit mehr geschützt fühlte. Für mich als Mediatorin (und vielleicht auch für die Gruppe) war das aber nicht unbedingt so hilfreich. Insgesamt hat das online Format aus meiner Sicht zumindest einige aus der Gruppe dazu bewegt, noch mehr auf die Sachebene "zu flüchten" als sie es bisher bereits taten. Trotzdem konnte die Mediationssitzung für die meisten zuversichtlich abgeschlossen werden und es geht weiter - wenn irgendmöglich dann aber wieder als persönliches Treffen.
    Herzlichen Gruß
    Annett

  • Kommentar-Link Silke Freitag 21. April 2020 gepostet von Silke Freitag

    Liebe Savina,

    ich danke dir herzlich für deinen Kommentar!
    Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass du deine Erfahrungen mit mir und anderen teilst.

    Ja. Du sprichst nochmal einen wichtigen Aspekt an, nämlich Mediationen über größere Entfernungen hinweg. Diese werden für mich gerade auch über die Corona-Zeit hinaus Online vorstellbar.

    Ich wünsche dir und deinen Liebsten alles nur erdenklich Gute in diesen bewegten und bewegenden Zeiten!
    Silke

  • Kommentar-Link Silke Freitag 21. April 2020 gepostet von Silke Freitag

    Liebe Annett,

    ich danke dir herzlich für das Teilen deiner Erfahrungen!

    Die technische Seite der Online-Mediation ist zweifelsohne einen eigenen Blogbeitrag und Erfahrungsaustausch wert! Eine hervorragende Übung übrigens, den eigenen Perfektionismus zu verabschieden wie es mir scheint…

    Deinen Eindruck teile ich, dass Online ein Format ist, dass dazu einlädt, „noch mehr auf die Sachebene "zu flüchten"“. Es scheint die Tendenz bei Menschen zu verstärken, die sich auf dieser Ebene wohl und zu Hause fühlen. Gleichzeitig durfte ich nach dem Verfassen meines Blogbeitrags zwei Menschen begleiten, bei denen zwischendurch die Tränen flossen und für mich die Berührung beider virtuell deutlich spürbar war. Emotionalität ist somit natürlich auch in diesem Medium nicht gänzlich ausgeschlossen…

    Ich wünsche dir und deinen wundervollen Projekten Sonne in diesen turbulenten Zeiten!
    Silke

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