Systemisch Konsensieren - Willkommen Widerstand!

11. Juni 2018, geschrieben von 

Vor kurzem habe ich an einer Fortbildung zum Thema Systemisch Konsensieren teilgenommen, eine Methode deren Kerngedanke ein wunderbares Aufbrechen von Denkmustern ist. „Konsensieren“ entstammt dem lateinischen Konsens - und es geht demnach grundsätzlich darum, Einigkeit oder Übereinstimmung zwischen Menschen zu erzeugen. Genauer ist es eine Entscheidungsmethode, die sich systembedingt dem Konsens annähert.

So weit, so gut. Das wirklich besondere an der Methode ist aber, dass es nicht darum geht, die Lösung zu ermitteln, für die die Mehrheit ist, sondern die Lösung, die die wenigsten ablehnen. Um die größte Akzeptanz zu finden, wird also ganz konkret der Widerstand ermittelt. Eine Methodik, die mich zunächst einmal etwas verwirrte, mich dann aber durch und durch überzeugt hat.

In aller Kürze besteht die Methode darin, Vorschläge zu sammeln und die Vorschläge mit Widerstandspunkten zu versehen: Der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand bekommt 0 Punkte und der Vorschlag mit dem meisten Widerstand dementsprechend 10 Punkte. Jedes Teammitglied kann so jede Lösungsidee mit zwischen 0 und 10 Widerstandspunkten versehen. Die Punkte werden in einem Raster eingefügt, wodurch sich ein Gesamtbild zeigt.

Anschließend wird das so entstandene Stimmungsbild analysiert und eine Entscheidung kann getroffen werden – und zwar die, bei der die wenigsten dagegen sind. Nicht die meisten dafür.

Die Methode eignet sich für Entscheidungsprozesse, bei denen es wesentlich ist, dass alle Beteiligten hinter der getroffenen Entscheidung stehen und sie dementsprechend mittragen wollen und können. Ganz typisch zum Beispiel, wenn es um Entscheidungen geht, die für ein ganzes Team Auswirkungen haben und von jedem Teammitglied umgesetzt werden sollen oder müssen, damit sie funktionieren. Wenn in solchen Situationen zu befürchten ist, dass die Meinungen sehr auseinandergehen, könnte eine Mehrheitsabstimmung schnell dazu führen, dass viele sehr zufrieden, einige aber auch sehr unzufrieden sind. Das Prinzip des Systemischen Konsensierens kann hier dazu beitragen, dass eine Lösung gefunden wird, mit der alle gut leben können. Damit leuchtet schon für mich als Mediatorin der Nutzen dieser Methode ein.

Gleichzeitig bietet die Methode eine gute Verhandlungsgrundlage, weil die Widerstandspunkte ein sehr differenziertes Stimmungsbild abgeben. Anhand der Widerstandspunkte kann sich unter Umständen eine andere Lösung als die „bessere“ im Sinne von tragbarer erweisen, als die Lösung, die das Ergebnis einer Mehrheitsabstimmung ist. Weiter kann es beispielsweise  erkennbar werden,  dass ein „nein“ in anderen Abstimmungsmethoden im Punkteraster 5 Widerstandspunkte ergibt, was wiederum entweder bedeutet, dass man mit der Entscheidung gut leben könnte, oder aber man schaut sich gemeinsam an, was diejenige bräuchte, damit sich die Widerstandspunkte noch mehr reduzieren. So kann man sich je nach Bedarf gemeinsam durch das Raster durcharbeiten und sehr transparent herausfinden, welche Lösungen gangbar sind.

Mit dem Systemischen Konsensieren bewegt man sich weg von der Verteidigung des eigenen Vorschlages und hin zur freiwilligen Suche nach der Akzeptanz der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten. Damit sich diese Dynamik auch wirkungsvoll entfalten kann, ist eine sehr sorgfältige Anmoderation wichtig, damit die Teilnehmer sich auf diesen Perspektivenwechsel auch wirklich einstellen können, und auch bei dem nachfolgenden Austausch in dieser Perspektive bleiben. Wichtig ist es, im Voraus geklärt zu haben, dass die zur Verfügung stehenden Lösungsideen realisierbar sind und beispielsweise auf Leitungsebene akzeptiert werden.

Meine erste Erfahrungen mit dem Prinzip des Systemischen Konsensieren haben mich überzeugt, dass die Methode für bestimmte Entscheidungsprozesse ein wirklich großes Potential hat, und ich werde hier im Blog über meine weiteren Erfahrungen berichten. In der Zwischenzeit würden mich Ihre Erkentnisse zu der Methode interessieren…!

 

Letzte Änderung am 13. Juni 2018
Mette Bosse

…arbeitet freiberuflich als Coach, Konfliktmoderatorin und Teamentwicklerin und leitet u.a. Seminare zu Konfliktmanagement im Career Center an der Hamburger Universität. Ursprünglich als Juristin in der dänischen Zentraladministration tätig hat sie mehrfach im Ausland gelebt. Hier sammelte sie vielfältige Erfahrungen, wie sich unterschiedliche Kulturen zueinander verhalten und interagieren. Ihr Anliegen ist es Menschen und Teams auf deren Weg zu begleiten, um Ressourcen und neue Wege zu erkennen und so neue Handlungsoptionen zu erschließen. Zuversicht, Wertschätzung und Resonanz sind dabei ihre wichtigsten Wertegrundlagen. Selbstreflektion und kollegialer Austausch bereichern und beflügeln ihre Arbeit.

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