Vom richtigen Zeitpunkt für Veränderungen – Wie wir uns das Leben leichter machen können

28. Juni 2018, geschrieben von 

Im letzten Frühherbst saß ich in der Beratung einer Geschäftsführerin, die einschneidende Veränderungen für ihre Organisation plante: Sie wollte den Teams in ihren Bereichen mehr Eigenverantwortung geben. Ich schätze die Geschäftsführerin als eine Frau, die sehr klar kommuniziert, die ihre Mitarbeiter*innen zu begeistern und motivieren vermag, Widerstände ernst nimmt und sich nicht scheut, sich wirksame Unterstützung von außen zu organisieren. Optimale Bedingungen für einen Veränderungsprozess also…

Ihr Plan des Einbeziehens der Mitarbeiter*innen klang schlüssig und wohlüberlegt, ihre Führungsvorgaben konnte sie ebenso klar benennen wie den Gestaltungsspielraum der Teams. Dennoch sagte meine Intuition: Das ist noch keine wirklich gute Idee… Ich brauchte eine Nacht des darüber Schlafens, um zu begreifen, was mir mein Bauchgefühl sagen wollte: Die zentralen Workshops sollten im November und Januar stattfinden – in einer Zeit, die in Norddeutschland von „Schmuddelwetter“ sprich einem Mangel an Sonnenstrahlen und hoher Luftfeuchtigkeit geprägt ist, die Süddeutsche Dauerregen nennen würden. In dieser Zeit ist oft nicht nur der Himmel grau, sondern leider auch die Stimmung in Teams entsprechend düsterer. Eine Zeit, in der Bedenken schwerer erscheinen; keine günstige Zeit für Aufbruch und kreative Ideen!

Ich teilte der Geschäftsführerin meine Bedenken mit und fragte, ob etwas dagegen sprechen würde, den Veränderungsprozess ins Frühjahr mit blühenden Krokussen und Narzissen sowie hoffentlich ein paar Sonnenstrahlen zu verlegen. Mein Gegenüber lachte schallend und meinte: „Jetzt wird mir auch klar, wieso wir Sie als Mediatorin meistens im Herbst gebucht haben!“ Schnell war sie damit einverstanden, den Start des Veränderungsprozesses auf das Frühjahr zu verlegen. Ihr schwebte Februar vor. Diesmal wusste ich sehr schnell, was für mich gegen Februar sprach: Der üblicherweise hohe Krankenstand wegen grippalen Infekten. Sie entschied sich somit dafür, in Ruhe nach Ostern im April zu beginnen.

Im Februar bekam ich eine Mail von ihr: „Haben Sie eigentlich eine magische Kugel, die Sie in die Zukunft schauen lässt? Ich habe nur noch die halbe Crew an Bord! Uns hat die Grippewelle einfach darnieder gerafft!“

Nein, ich habe keine solche magische Kugel. Diese Episode verdeutlicht für mich lediglich die schlichte Erkenntnis, dass die Jahreszeiten durchaus Einfluss auf unsere Arbeit haben: Im Herbst und Winter arbeiten wir als Moderator*innen in Konflikten gegen eine düsterere Grundstimmung in Teams an und im Februar müssen wir uns häufig die Frage stellen, wie wir mit krankheitsbedingten Ausfällen bestmöglich umgehen. Im Frühling dagegen machen Vogelgezwitscher und Sonnenschein unsere Arbeit so manches Mal leichter…

Schade nur, dass es sich leider nicht um eine Selbstverständlichkeit handelt, den Zeitpunkt für einen Veränderungsprozess frei wählen zu können. Oftmals ist dieser vielmehr durch übergeordnete Zwänge klar terminiert. Wenn sich Organisationen jedoch in der luxuriösen Situation befinden, die zeitliche Platzierung ihres Prozesses selbst steuern zu können, erachte ich die Jahreszeit mittlerweile als einen durchaus bedenkenswerten Faktor.  

Letzte Änderung am 19. September 2018
Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

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