Was hat die Klimakrise mit uns Mediator*innen zu tun? Vom ökologischen Fußabdruck in unserem Beruf

04. Mai 2019, geschrieben von 

Wenn wir die Berichte von Wissenschaftler*innen ernst nehmen, dann befinden wir uns in Zeiten einer Klimakrise: Wir müssen als Weltbevölkerung unsere CO2-Emissionen in den kommenden Jahren drastisch reduzieren, um eine Erderwärmung und die daraus resultierenden Folgen zu verhindern. Selbstverständlich wird sich dieser Klimawandel nicht durch individuelle Entscheidungen aufhalten lassen, sondern es bedarf konsequenten politischen Handelns. Dennoch möchte ich in diesem Blogbeitrag den ökologischen Fußabdruck unseres Berufs in den Fokus nehmen und meine Leser*innen zur Selbstreflexion anregen. – Dies als kleine Vorwarnung. Wer sich selbst nicht kritisch hinterfragen (lassen) möchte, möge also bitte schlicht nicht weiterlesen.

In unserem Beruf wird viel geflogen: Einige Kolleg*innen fliegen zu Mediationen, andere wiederum fliegen zu Fortbildungen und Tagungen. Ich möchte hier die Frage stellen, ob das denn wirklich immer die beste unter den vorhandenen Möglichkeiten ist – und Alternativen ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufzeigen.

Werde ich beispielsweise für eine Mediation angefragt, bei der die Anreise länger als drei Stunden mit der Bahn dauern würde, dann empfehle ich in der Regel Kolleg*innen aus dieser Region. Es gibt schließlich hervorragende Kolleg*innen in ganz Deutschland – im Westen, Osten und Süden ebenso wie bei uns im Norden. Bislang hat das immer geklappt… auch wenn so manches Mal das große Netzwerk um Hinweise gebeten werden musste, bis ich eine Empfehlung aussprechen konnte.

Nun gibt es manchmal Fälle, in denen ich sehe, dass ich mit meiner spezifischen Erfahrung als Mediatorin einen deutlichen Unterschied machen könnte. Dann überlege ich mir durchaus, eine Ausnahme von meiner persönlichen Drei-Stunden-Regel zu machen und fahre länger mit der Bahn durchs Land. Ich versuche dabei an meinen Kollegen aus München zu denken, der begeistert deutschlandweit arbeitet und die Bahn sein "ruhiges Büro" nennt. Ich persönlich kann im Zug nicht gut konzentriert arbeiten, aber ich kenne so einige Kolleg*innen, die davon mittlerweile sehr überzeugt sind. Ich dagegen habe es aufgegeben und lese stattdessen in Ruhe ein (Fach-)Buch.

Ich habe in den letzten Jahren durchaus Fortbildungen bei internationalen Kolleg*innen besucht und schätze diesen Austausch sehr. Allerdings fanden diese Seminare nicht in Nigeria, Israel und den USA statt, sondern hier in Hamburg. Die meisten davon selbstorganisiert, was zweifelsohne mit einem gewissen Aufwand verbunden ist. So manches Mal waren die Fortbildner*innen anschließend auch noch in Berlin, München oder Köln, um auch dort ihr Wissen zu teilen.

Auch wir werden manchmal international für Fortbildungen angefragt. Hier stellt sich für mich die Frage, ob und wie diese Fortbildungen als Multiplikator*innen-Fortbildungen angelegt werden können, damit das Wissen zukünftig im Land selbst weiter verbreitet werden kann.

Ich möchte mich anhand dieser Beispiele nicht generell gegen jedes berufsbedingte Fliegen aussprechen, sondern würde mich über eine mediative Abwägung zwischen der Verantwortung für unsere Umwelt einerseits und dem Mehrwert für die Gestaltung eines konstruktiven Miteinanders andererseits freuen.  Und ich würde mich besonders freuen, wenn einige Leser*innen diesen Beitrag zum Anlass nehmen würden, ihre eigene berufliche Ökobilanz einmal zu überdenken und kreativ nach Alternativen zu suchen…

Letzte Änderung am 04. Mai 2019
Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

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