Mediationen in familiären Kontext - soll man sie lösen oder sich lösen?

10. Dezember 2020, geschrieben von 

Mediationen mit Familienmitgliedern mache ich nicht oft, aber immer wieder gerne. Ich glaube, die Verbindungen zu unserer Familie gehören zu den emotional tiefsten und damit auch zu den schönsten wie schmerzhaftesten menschlichen Verbindungen, die wir eingehen. Da ich aber nicht als Familienmediatorin ausgebildet bin, sind die familiären Konflikte, die bei mir landen, meist an ein anderes Thema geknüpft, etwa die Unterstützung bei der Berufswahl der erwachsenen Kinder oder die Zusammenarbeit von Familienmitgliedern im beruflichen Kontext.

In der Mediation entwickelt sich dann ein eher allgemein formuliertes Anliegen zu einer Klärung der persönlichen, familiären Konflikte, und immer mehr und tiefere Schichten von Missverständnissen, emotionalen Verletzungen oder verbalen Kränkungen werden angesprochen. Erlebnisse, die oft zehn bis zwanzig oder mehr Jahre zurückliegen, und wo teilweise auch andere (nicht anwesende) Familienmitglieder eine Rolle spielen.

Oft geht es für den Beteiligten darum, dass das Gegenüber endlich das sagt, wonach man sich seit so vielen Jahren unendlich sehnt. Einige Beispiele zur Verdeutlichung: Dass die Mutter, die ihre Tochter damals als unordentlich und dusselig beschimpfte, nun endlich ausspricht, dass es ihr leid tut und dass sie ihre Tochter wunderbar findet. Dass der Vater, der sich damals nie über die Leistungen seines Sohnes freute und ihm immer sagte, er wäre nicht gut genug, ihm heute endlich die ersehnte Wertschätzung gibt. Oder dass der Wettbewerb zwischen Geschwistern, der sich bis heute ins Erwachsenenalter hinzieht und ein halbwegs positives Verhältnis unmöglich macht, weil es mit 30 Jahren immer noch darum geht, wer von beiden „besser“ oder „erfolgreicher“ ist, aufgelöst wird.

Wie lange aber lohnt es sich, in den Mustern der Vergangenheit festzuhängen und wie lange macht es Sinn, sich emotional davon abhängig zu machen, dass ein Familienmitglied endlich die erlösenden Worte sagt, damit man sich geliebt und gewertschätzt fühlt? Wenn der- oder diejenige nach jahrelangem Ringen das Gewünschte immer noch nicht gesagt oder getan hat, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie es jetzt tut? Und ist das überhaupt die Lösung?

Wenn ich das Leid der Konfliktparteien miterlebe, frage ich mich oft, ob diese Konflikte wirklich lösbar sind oder ob es manchmal die „bessere“ Lösung wäre, sich innerlich zu lösen. Damit meine ich nicht, dass sich eine Konfliktpartei von der anderen Konfliktpartei distanzieren soll, sondern sich vielmehr vom dem Konfliktgegenstand löst. Von Erlebnissen in der Kindheit, die sich damals ungerecht oder verletzend angefühlt haben. Von elterlicher Erziehung, die sich wie ein Korsett anfühlte, oder von den durch das Familienleben erlernten Verhaltensmustern, die sich heute im Leben als wenig sinnvoll erweisen und sich begrenzend auswirken. Von der Kritik von Eltern oder Geschwistern, die im Teenageralter verheerende Folgen hatte und noch heute nachwirkt. Ist es machbar, solche Konflikte zehn oder zwanzig Jahre später zu lösen?

Mediationen im familiären Kontext können gelingen, es bedarf aber einer sehr großen Bereitschaft von beiden oder allen Parteien zur Selbstreflektion, um die eigenen Handlungen mit den Augen (oder Gefühlen) des Gegenübers zu sehen und zu verstehen. Nicht alle Eltern sind dazu in der Lage und bereit, ihr Verhalten aus der Vergangenheit als „nicht sinnvoll“ anzuerkennen. Zu akzeptieren, dass sie damit ihr eigene Kinder zutiefst verletzt haben und bis in das Erwachsenenalter begrenzen. Ähnlich ist es, wenn der Konflikt sich zwischen zwei Geschwister ausspielt. Ein solcher Prozess ist für manche einfach zu schmerzhaft. Dazu kommt meine systemische Grundhaltung, dass unser Handeln immer zur gegebenen Zeit einen (guten) Sinn hat. Auch dann, wenn es für unsere Nahestehenden vielleicht völlig sinn-, nutz- oder lieblos erscheint.

Was dann? Ich habe die Hypothese, dass das eigentliche Lösen solcher Konflikte mehr Erfolgschancen hat, je mehr sich die Parteien innerlich voneinander oder von den Sehnsüchten lösen können oder sich schon gelöst haben. Nicht alle unsere Wünsche bekommen wir erfüllt. Sich von solchen Sehnsüchten zu lösen, ist in einer familiären Beziehung besonders schmerzhaft. In manchen Situationen kann es aber die bessere Lösung sein. Alleine deswegen, weil es den Parteien ermöglicht, sich Handlungsspielraum zurückzuholen und damit das Abhängigkeitsverhältnis zu durchbrechen oder zumindest abzuschwächen. Wenn wir die Erwartungen aneinander loslassen, können wir anfangen, konstruktiv an einem Neuanfang zu arbeiten.

Wenn die Parteien sich einander annähern, gegenseitig Einblicke in (damalige) Beweggründe und Gefühle geben, gegenseitig versuchen sich zu vorurteilsfrei zu verstehen, dann können erste Schritte gegangen und ausprobiert werden. Vielleicht später von einer eigentlichen Familienmediation gefolgt. Wenn die Parteien nach einer Annäherung wieder in Abwehrhaltung gehen, Vorwürfe und Abweisungen wiederholen, dann können individuellen Coachings den Prozess des Voneinander-Lösens unterstützen.

Die Frage, wann welche Beratungsform hilfreich ist, lässt sich nur individuell beantworten. Es gibt keine Universallösung. Wenn ich den Parteien dazu geraten habe, eine Familienmediatorin oder einen Coach aufzusuchen, stelle ich mir vor, dass der erste Schritt erfolgt ist. Bei mir wurden die eigentlichen Konfliktthemen zwischen den Parteien deutlich, sodass die Parteien mit dieser Klarheit weiterarbeiten können. Ich weiß nicht, wie die Mediationen im familiären Kontext, die ich gemacht habe, später ausgegangen sind, oder ob ein Coaching oder/und Familienmediation aufgesucht wurde. Ich wünsche aber vom Herzen, dass sich die familiären Verhältnisse in eine gute Richtung weiterentwickelt haben.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Mediationen im familiären Kontext?

Letzte Änderung am 17. Dezember 2020
Mette Bosse

…arbeitet freiberuflich als Coach, Konfliktmoderatorin und Teamentwicklerin und leitet u.a. Seminare zu Konfliktmanagement im Career Center an der Hamburger Universität. Ursprünglich als Juristin in der dänischen Zentraladministration tätig hat sie mehrfach im Ausland gelebt. Hier sammelte sie vielfältige Erfahrungen, wie sich unterschiedliche Kulturen zueinander verhalten und interagieren. Ihr Anliegen ist es Menschen und Teams auf deren Weg zu begleiten, um Ressourcen und neue Wege zu erkennen und so neue Handlungsoptionen zu erschließen. Zuversicht, Wertschätzung und Resonanz sind dabei ihre wichtigsten Wertegrundlagen. Selbstreflektion und kollegialer Austausch bereichern und beflügeln ihre Arbeit.

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