Sind Konflikte lösbar, bevor sie entstehen? Vom Sinn präventiver Vermittlung

06. Februar 2020, geschrieben von 

In einer Konfliktberatung begleite ich eine junge Mutter. Sie ist erschöpft – bei zwei kleinen Kindern und ihrer durchaus herausfordernden Berufstätigkeit kein Wunder. Sie ist jedoch auch zutiefst frustriert und resigniert: Wie in so vielen jungen Familien ist weder die Kinderbetreuung noch die Arbeit im Haushalt zwischen ihr und dem Vater der beiden Kinder gleich verteilt. Sie ist es, die nachts aufsteht, wenn irgendetwas ist, sie bleibt zu Hause, wenn eines der Kinder krank ist, der Vater war noch nie auf einem Elternabend in der Kita. So hatte sie sich das nun wirklich nicht vorgestellt. Und im Verlauf der Konfliktberatung wird deutlich: So hatte ihr Liebster sich das ebenso wenig vorgestellt. Sie hatten wie so viele werdende Eltern das Bild von gleichberechtigter Elternschaft.

Was war passiert? Interessanterweise rutschen viele junge Familien unbewusst über die Jahre in klassische Rollenmuster, von denen sie sich nicht hätten träumen lassen, dass ausgerechnet sie darin landen würden. Wenn werdende Eltern mich heute fragen, wie ich es mit dem Vater meiner Kinder hinbekommen habe, gleichberechtigt unsere Kinder groß zu ziehen, dann ist mein Rat recht schlicht: Trefft so viele klare Absprachen wie möglich, bevor die Kinder da sind! Und sorgt dafür, dass die gleichberechtigte Care-Arbeit mit der Geburt beginnt – wie auch immer sie konkret aussehen wird. „Wir wollen die Kinder gleichberechtigt erziehen!“ ist leider nicht mehr als ein frommer Wunsch im Sinne einer Absichtserklärung. Dieser Wunsch funktioniert eben in den wenigsten Fällen ohne konkrete Absprachen für den Alltag.

Werdende Eltern könnten sich deshalb meines Erachtens durchaus Zeit für eine präventive Vermittlung nehmen – einen mediativ angeleiteten Abgleich ihrer Erwartungen, orientiert an ihren Interessen und Werten, mit dem Ziel, Verabredungen für den zukünftigen Alltag mit Kind zu treffen.

Ein anderes Beispiel: In einer Mediation begleite ich ein über viele Themen sehr zerstrittenes Hausprojekt. Verzweifelt sagt eine Bewohnerin: „So habe ich mir das echt nicht vorgestellt! Jetzt sitzen wir hier und streiten über die Gartenpflege und wer welches Werkzeug aus der Werkstatt leihen darf! Das ist doch echt armselig!“ – In der Runde sehe ich zustimmendes Nicken. Hierin besteht Einigkeit: So haben sie sich das alle nun wirklich nicht vorgestellt. Wie so viele Hausprojekte sind sie euphorisch gestartet und haben in dieser Anfangsphase wenig explizite Vereinbarungen miteinander getroffen, auf die sie sich nun berufen könnten. Unter den Gründer*innen war „irgendwie unausgesprochen klar, wie es laufen sollte“… wobei sie nun merken, dass diese impliziten Annahmen durchaus unterschiedlich interpretiert und über die Jahre von den neu Hinzugekommenen nicht immer geteilt wurden.

Neben der Sicherung der Hausfinanzierung empfehle ich Wohnprojekten deshalb, sich Zeit für eine präventive Vermittlung nehmen, um klare Vereinbarungen zum Miteinander im Projekt zu treffen, die dann wiederum auch als Rahmen für diejenigen gelten, die später ins Projekt kommen.

Gleiches gilt für Freiberufler*innen, die gemeinsam eine Praxisgemeinschaft oder einen anderen Arbeitskontext gründen: egal ob Ärzt*innen, Hebammen, Rechtsanwält*innen oder Handwerker*innen. Je klarer die Absprachen zu Beginn getroffen werden, desto weniger kraftzehrende Konflikte werden den Weg pflastern.

Einige dieser vorsorglichen Vermittlungen durfte ich in den letzten Jahren begleiten – und das ist mir bis heute immer wieder eine besondere Freude.

Letzte Änderung am 06. Februar 2020
Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

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