In meiner Arbeit mit Gruppen ohne klar definierte Hierarchien habe ich mehrmals erlebt, wie diese Struktur die Mitglieder einerseits auf wunderbarste Weise beflügeln und stärken, andererseits aber auch sehr herausfordern oder gar begrenzen kann. Als Berater ist es ebenfalls eine andere Herausforderung mit einer Gruppe zu arbeiten, die keine definierten Entscheidungsträger hat.

Seit einigen Jahren mediiere ich im öffentlichen Bereich. Meist werde ich gerufen, wenn der Konflikt auch medial bereits Wogen geschlagen hat und dementsprechend sind die öffentlichen Veranstaltungen nicht nur seitens der Bevölkerung, sondern auch seitens der Presse beim Auftakt durchaus gut besucht. Es scheint eine deutliche Korrelation zu geben: Je eskalierter der Konflikt, desto mehr Pressevertreter*innen kommen.

In den Medien ist im Zusammenhang mit Auftaktveranstaltungen in der Regel von "angespannter Stimmung im Raum" oder "empörten Wortäußerungen" die Rede. Zweifelsfrei ist da etwas dran: Zu Beginn eines Dialogs ist der Ton in der Tat oftmals nicht der freundlichste, es fehlt allen Beteiligten (noch) am Glauben, dass im Rahmen eines Dialogs Einigungen erzielt werden könnten und das Verstehen der Gegenseite ist bei den meisten Teilnehmenden nicht besonders ausgeprägt. Insofern durchaus eine treffende Berichterstattung.

Was mich über die Jahre allerdings beunruhigte, ist die Tatsache, dass die oftmals in vielen Dialog-Sitzungen hart erarbeiteten Einigungen der Presse am Ende kaum eine Berichterstattung  mehr wert zu sein schienen. Da machen sich Bürger*innen in ihrer Freizeit die Mühe, gesellschaftliche Konflikte für das Gemeinwesen zur größtmöglichen Zufriedenheit aller zu lösen, finden letztlich einen, vorher kaum für möglich erachteten Konsens - und dann wird darüber kaum oder schlimmstenfalls gar nicht berichtet.

Wie erfreut war ich, als ich neulich bei ndr-info ein Radiofeature über eine gelungene Konfliktklärung hörte. Und noch erfreuter, als ich vor einigen Tagen unsere Lokalzeitung aufschlug, die seit Jahren engagiert über den eskalierten Konflikt  um eine Ortsumgehung schreibt. Dort  fand ich gleich auf der Titelseite einen ausführlichen Bericht darüber, wie im Rahmen einer Bürgerwerkstatt und einer anschließenden Ratswerkstatt eine solide Einigung für diesen jahrzehntelangen Konflikt erlangt wurde.

Mediationen im öffentlichen Bereich sind auf diese kontinuierliche Berichterstattung in der (lokalen) Presse angewiesen. Nur so kann meines Erachtens eine solide Verankerung des Dialogs mit seinen Ergebnissen im Gemeinwesen gelingen. Wie schön, dass Sender und Verlage langsam damit beginnen, auch über errungene Einigungen zu berichten statt ausschließlich eskalierten Konflikten Raum geben. Erst durch das Wissen um erfolgreiche Vereinbarungen kann ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entstehen, welche Vorteile und Chancen diese zuweilen durchaus mühsamen Aushandlungsprozesse bieten. Dafür ist es unerlässlich, dass über deren Erfolge und nicht nur über die Probleme berichtet wird.

Ein wesentliches Wirkprinzip der Mediation basiert darauf, dass Menschen (wieder) dazu in die Lage versetzt werden, die Sicht des anderen nachvollziehen zu können, ihre eigene Perspektive und die des anderen einnehmen zu können, mehr als eine Sicht auf die Situation, den Konflikt und die jeweiligen Anliegen der Beteiligten zu sehen. Wie dies gelingen kann, ist ein maßgeblicher Teil von Mediationsausbildungen und oft im Kern der Faszination für dieses Verfahren.

Mediationsaus- und weiterbildungen sprießen aus dem Boden. Im Jahr 2013 hat die Stiftung Warentest einen (durchaus umstrittenen) Vergleich von 145 solcher Weiterbildungen vorgenommen – und das war nur ein Teil des bundesdeutschen Angebots in diesem Feld. Nach wie vor interessieren sich viele Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen und mit diversen Hintergründen für das Erlernen des Mediationsverfahrens und der Rolle als Mediatorin.

Als Mitglied des Redaktionsbeirates der Zeitschrift „Konfliktdynamik. Verhandeln, Vermitteln und Führen in Organisationen“  bin ich für die Planung der Rezensionsrubrik verantwortlich. Regelmäßig trudeln daher Pressemitteilungen über (vermeintlich) fachlich relevante Neuerscheinungen aus dem Feld der innerbetrieblichen Konfliktbearbeitung bei mir ein, meist mehr oder minder informative und werbende Texte. Vor einiger Zeit fiel eine Pressemitteilung des Springer Verlags aus dem Rahmen des Üblichen – und das lag wohl nicht zuletzt am angepriesenen Buch mit dem Titel „Schwierige Menschen am Arbeitsplatz. Handlungsstrategien für den Umgang mit herausfordernden Persönlichkeiten“ (von Heidrun Schüler-Lubienetzki und Ulf Lubienetzki).

Mediatoren kennen die Situation nur zu gut: Gefragt, was sie beruflich machen, antworten sie „Mediation“. Und schauen dann ganz genau hin, wie ihr Gegenüber reagiert: Kennt mein Gegenüber diesen Begriff? Und kann er ihn einigermaßen treffsicher mit Leben füllen? Oder liegt die in vielen Anekdoten verbriefte Verwechslung mit „Meditation“ vor, die sogleich zu korrigieren wäre?  Rasch wird ein erklärendes „Ich beschäftige mich mit der Klärung von Konflikten“ oder „Das heißt, ich unterstütze Menschen in Konflikten dabei, selbstverantwortlich eine interessengerechte Lösung zu entwickeln“ hinzugefügt.

Der Anfang ist immer das Entscheidende; hat man's darin gut getroffen, so muß der Rest mit einer Art von innerer Notwendigkeit gelingen…


(Theodor Fontane)

Es gehört zum Alltag einer Mediatorin bei Anfragen nach Mediation relativ zügig und unvermittelt recht viel von einer mir gerade noch unbekannten Person zu erfahren. Jemand ruft mich an, weil er auf der Suche nach Unterstützung in einem Konflikt ist. Er hat vielleicht länger überlegt, ob Mediation das richtige sein könnte. Hat recherchiert, wer dafür in Frage kommen könnte – oder eine Empfehlung eingeholt. Hat innerlich schon formuliert, was er sagen und fragen möchte. Ich als Mediatorin bin gerade mittendrin in irgendeiner Aufgabe in meinem Büro, wenn das Telefon klingelt. Und dann ist da oft ein großes Mitteilungsbedürfnis – zu erzählen, was passiert ist, was einen belastet und was den Konflikt so schwierig, ja unerträglich macht. Zu fragen, ob und wie Mediation hilfreich sein könnte. Rat zu erhalten, wie denn die andere Person für eine Mediation gewonnen werden könnte. Dann gilt es, eine gute Balance aus „Ins-Gespräch-Kommen“ und „Nicht-Zuviel-Erfahren“ miteinander zu finden.