Silke Freitag

Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

Vieles ist im virtuellen Raum grundlegend anders. Deshalb habe ich bei mir selbst und auch bei Kolleg*innen anfänglich großes Zögern erlebt, weil online schlicht vieles nicht so funktioniert wie in einem realen Raum. Da ruckelt das Bild, da hallt die Stimme, die Visualisierung ist nicht so einfach. Für die digital affinen Menschen unter uns ist das kein Problem: Eine Kollegin hat – schwupps! – eine zweite Kamera installiert, und alle können die handgeschriebenen Karten auf dem geteilten Bildschirm sehen. Ich hingegen weiß nicht einmal, wie ich eine Kamera an meinem Rechner installiert bekomme! Ein Kollege erzählte mir nebenbei, dass er seine Internetverbindung jetzt natürlich mal perfektioniert habe, damit das stabil machbar ist. Ich konnte nur bewundernd nicken…

Ohne diesen Virus wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, online Konfliktbearbeitung anzubieten. Wenn ich mit den Beteiligten in einem Raum sitze, so höre und sehe ich die Konfliktparteien nicht nur, sondern spüre sie auch. Und nicht zu unterschätzen: Sie spüren sich ebenfalls. Häufig erinnere ich mich bei Mediationen an den emotionalen Wendepunkt: Den Moment, in dem sich geradezu magisch die Atmosphäre im Raum verändert, die Beteiligten sich wieder füreinander öffnen und feststellen, dass nicht der*die andere das Problem ist, sondern sie schlicht gemeinsam gravierende Probleme haben. Mir fehlt offen gestanden auch heute noch die Fantasie, wie das bitte online gehen soll.

In einer Konfliktberatung begleite ich eine junge Mutter. Sie ist erschöpft – bei zwei kleinen Kindern und ihrer durchaus herausfordernden Berufstätigkeit kein Wunder. Sie ist jedoch auch zutiefst frustriert und resigniert: Wie in so vielen jungen Familien ist weder die Kinderbetreuung noch die Arbeit im Haushalt zwischen ihr und dem Vater der beiden Kinder gleich verteilt. Sie ist es, die nachts aufsteht, wenn irgendetwas ist, sie bleibt zu Hause, wenn eines der Kinder krank ist, der Vater war noch nie auf einem Elternabend in der Kita. So hatte sie sich das nun wirklich nicht vorgestellt. Und im Verlauf der Konfliktberatung wird deutlich: So hatte ihr Liebster sich das ebenso wenig vorgestellt. Sie hatten wie so viele werdende Eltern das Bild von gleichberechtigter Elternschaft.

Konflikte sind alltäglich – diese Botschaft ist mittlerweile in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen. Sie sind mitnichten ein Tabuthema, ganz im Gegenteil: Über Konflikte wird überaus viel geredet: in der Familie, unter Freund*innen, mit Kolleg*innen.

Es gibt ein wissenschaftlich mittlerweile recht gut beforschtes Phänomen in Konflikten, das den konstruktiven Umgang mit Konflikten im Alltag leider sehr erschwert: Wenn wir uns von unserem Gegenüber nicht gehört und verstanden, sondern vielmehr in unserem Standpunkt angegriffen fühlen, dann sinkt mit dem Grad unserer Emotionalität im Konflikt unsere Fähigkeit zum Perspektivwechsel – und somit unsere Fähigkeit, andere zu hören und zu verstehen. Als leidenschaftlich emotionaler Mensch habe ich es in so einigen Selbstversuchen erfahren: An dieser Theorie ist tatsächlich etwas dran.

Wenn wir die Berichte von Wissenschaftler*innen ernst nehmen, dann befinden wir uns in Zeiten einer Klimakrise: Wir müssen als Weltbevölkerung unsere CO2-Emissionen in den kommenden Jahren drastisch reduzieren, um eine Erderwärmung und die daraus resultierenden Folgen zu verhindern. Selbstverständlich wird sich dieser Klimawandel nicht durch individuelle Entscheidungen aufhalten lassen, sondern es bedarf konsequenten politischen Handelns. Dennoch möchte ich in diesem Blogbeitrag den ökologischen Fußabdruck unseres Berufs in den Fokus nehmen und meine Leser*innen zur Selbstreflexion anregen. – Dies als kleine Vorwarnung. Wer sich selbst nicht kritisch hinterfragen (lassen) möchte, möge also bitte schlicht nicht weiterlesen.

Angeregt von Mettes Blog-Beitrag über das systemische Konsensieren möchte ich ihre Begeisterung teilen: Ja. Eine wirklich enorm hilfreiche Methode, denn sie lädt nicht nur den Widerstand ein, sondern nimmt die Teilnehmenden in die Verantwortung, nicht nur binär zu entscheiden, ob eine Idee gut oder schlecht ist, sondern lässt Raum für Zwischentöne. Begeistert bin ich außerdem davon, wie schnell diese Methode zielführend ist.

Viele ausgebildete Mediator*innen arbeiten mittlerweile überaus erfolgreich als interne Konfliktberater*innen im eigenen Unternehmen oder in Hochschulen und Verwaltungen. Einige von ihnen sind Führungskräfte, die ihre Kompetenzen darüber hinaus im eigenen Team gewinnbringend einsetzen, wenn sie Konflikte im Team klären. Meistens findet dies nicht unter dem Label der Mediation statt, sondern als "moderiertes Gespräch" oder "Klärungsgespräch". Soweit, so hilfreich.

Hierbei scheint es mir jedoch eine Konstellation zu geben, die ein besonders hohes Eskalationsrisiko bei interner Vermittlung mit sich bringt: Wenn eine Führungskraft in einem Konflikt zwischen untergeordneter Führungskraft und Mitarbeiterin vermittelt.

Im letzten Frühherbst saß ich in der Beratung einer Geschäftsführerin, die einschneidende Veränderungen für ihre Organisation plante: Sie wollte den Teams in ihren Bereichen mehr Eigenverantwortung geben. Ich schätze die Geschäftsführerin als eine Frau, die sehr klar kommuniziert, die ihre Mitarbeiter*innen zu begeistern und motivieren vermag, Widerstände ernst nimmt und sich nicht scheut, sich wirksame Unterstützung von außen zu organisieren. Optimale Bedingungen für einen Veränderungsprozess also…

Ein angeregter Kneipenabend mit einer Kollegin. Sie arbeitet seit Jahrzehnten als Mediatorin und bildet fast genauso lange Mediator*innen aus. Als sie mir erzählte, dass sie noch nie selbst als Mediandin an einer Mediation beteiligt war, hätte ich ihr vor lauter Überraschung fast mein Bier ins Gesicht geprustet. Wie bitte?! Als sie mir auch noch versicherte, dass sie damit nun wirklich nicht allein sei, sondern die Ausbilder*innen, die selbst Erfahrung als Mediand*innen hätten, ihrem Eindruck nach sogar in der Minderzahl seien, war ich erst einmal sprachlos.

Seit einigen Jahren mediiere ich im öffentlichen Bereich. Meist werde ich gerufen, wenn der Konflikt auch medial bereits Wogen geschlagen hat und dementsprechend sind die öffentlichen Veranstaltungen nicht nur seitens der Bevölkerung, sondern auch seitens der Presse beim Auftakt durchaus gut besucht. Es scheint eine deutliche Korrelation zu geben: Je eskalierter der Konflikt, desto mehr Pressevertreter*innen kommen.

Bei vielen gehörten Worten rattert in den Köpfen unbewusst sofort eine Assoziations- und Interpretationsmaschinerie los… Als Psychologin mache ich mir bewusst, dass sofort bestimmte „frames“ getriggert werden: Worte können so blitzschnell zu empfundenen Abwertungen, Verharmlosungen oder Diskriminierungen werden. Für mich als Mediatorin bedeutet dies, insbesondere bei eskalierten, identitätsbasierten Konflikten meine Worte sehr bewusst zu wählen, um im Sinne der Wahrung meiner Allparteilichkeit möglichst für alle Beteiligten neutrale Formulierungen zu nutzen.

Angeregt durch den Beitrag von Sascha, ob wir als Mediator*innen eine geheime Agenda verfolgen, erinnerte ich mich an einen Mediationsauftrag. Dieser hat mich nach vielen Jahren der erfahrungsbasierten Überzeugung: „Trennung ist so manches Mal die allerbeste unter den schlechten Optionen!“ noch einmal in innere Arbeit gebracht.