Vom Nutzen der Selbsterfahrung - Mediation ist nicht nur für die anderen da

22. März 2018, geschrieben von 

Ein angeregter Kneipenabend mit einer Kollegin. Sie arbeitet seit Jahrzehnten als Mediatorin und bildet fast genauso lange Mediator*innen aus. Als sie mir erzählte, dass sie noch nie selbst als Mediandin an einer Mediation beteiligt war, hätte ich ihr vor lauter Überraschung fast mein Bier ins Gesicht geprustet. Wie bitte?! Als sie mir auch noch versicherte, dass sie damit nun wirklich nicht allein sei, sondern die Ausbilder*innen, die selbst Erfahrung als Mediand*innen hätten, ihrem Eindruck nach sogar in der Minderzahl seien, war ich erst einmal sprachlos.

Offen gestanden hatte ich mir die Frage nie gestellt, ob ich als Mediatorin und Ausbilderin selbst Mediationserfahrung als Mediandin haben sollte. Es erschien mir schlicht selbstverständlich, dass dem so ist: Jeder Mensch hat schließlich Konflikte. Als Mediatorin bin ich überzeugt von der Wirkkraft der Mediation und insofern nutze ich sie natürlich zur Klärung meiner eigenen Konflikte, wenn mir Unterstützung von außen sinnvoll erscheint.
Diese vielfältigen Erfahrungen möchte ich in der Tat nicht missen: Mal ganz abgesehen davon, dass ich mit Hilfe von Mediationen für unterschiedlichste Konflikte einen überaus zufriedenstellenden Umgang gefunden habe, habe ich auch als Mediatorin und Ausbilderin eine Menge aus diesen Mediationen gelernt:

Beispielsweise habe ich als Psychologin das Recht als Bezugspunkt in Mediationen früher eher belächelt und mich förmlich um Fälle gedrückt, in denen das Recht eine Rolle spielen könnte. Als Mediationspartei habe ich es jedoch als außerordentlich wohltuend erlebt, als die Mediatorin mit juristischem Hintergrund zu unserer völligen Ratlosigkeit bezüglich des angemessenen Umgangs mit unserem Problem fragte: "Möchtet ihr hören, wie ein Gericht vermutlich in eurem Fall entscheiden würde?" Ihre Ausführungen führten bei mir zu der Erkenntnis, wie geradezu weise Richter*innen in dieser Frage in der Vergangenheit entschieden haben und dass dies tatsächlich ein außerordentlich kreativer, von uns beiden als fair empfundener Kompromiss wäre. - Und ich muss gestehen, dass sich mein Verhältnis zum Recht in der Mediation deutlich verändert hat.
Das Erleben, wie unangenehm es dagegen selbst als Nichtbetroffene ist, wenn persönliche Angriffe im Rahmen einer Gruppenmediation vom Mediator nicht unterbunden, sondern quasi "überhört" werden, hat mich darin bestärkt, lieber einmal zu viel als zu wenig bei verbalen Grenzüberschreitungen zu intervenieren.

Zu guter Letzt habe ich mein Methodenrepertoire durch meine Erfahrungen als Mediandin erweitert: Meine favorisierte Bepunktungsmethode zur Priorisierung von Konfliktthemen ist mir beispielsweise auf diesem Weg begegnet.

Zutiefst überzeugt werbe ich deshalb bei meinen Ausbildungsteilnehmenden dafür, im Sinne eines soliden Nährbodens selbst Erfahrung als Mediand*innen zu sammeln. - Und falls Sie, verehrte Leser*innen, bis heute nicht selbst an einer Mediation teilgenommen haben sollten, möchte ich Sie ermuntern: Es ist zum Glück nie zu spät!

Letzte Änderung am 22. März 2018
Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

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