Systemisch Konsensieren – mit doppelter Blickrichtung auf Widerstand und Begeisterung

12. Dezember 2018, geschrieben von 

Angeregt von Mettes Blog-Beitrag über das systemische Konsensieren möchte ich ihre Begeisterung teilen: Ja. Eine wirklich enorm hilfreiche Methode, denn sie lädt nicht nur den Widerstand ein, sondern nimmt die Teilnehmenden in die Verantwortung, nicht nur binär zu entscheiden, ob eine Idee gut oder schlecht ist, sondern lässt Raum für Zwischentöne. Begeistert bin ich außerdem davon, wie schnell diese Methode zielführend ist.

Was mir an der Methode jedoch weniger gefällt, ist der ausschließliche Blick auf das Negative: den Widerstand. Ich finde es richtig, ihn zu erheben, denn natürlich sollte der Widerstand gegen eine in einer Mediation getroffene Vereinbarung möglichst gering sein. Mir reicht dies jedoch nicht, denn ich möchte als Mediatorin Gruppen darin unterstützen, einen Umgang mit ihrer konflikthaften Situation zu finden, der sie am Ende mit der größtmöglichen Zufriedenheit – und nicht nur mit der geringstmöglichen Unzufriedenheit – zurücklässt. Ich bin überzeugt, dass die Umsetzung einer Vereinbarung von Energie in Form von Begeisterung und Leidenschaft getragen wird. Deshalb habe ich mit meinem Kollegen Tim Pechtold vor einigen Jahren damit begonnen, neben dem Widerstand auf der „W-Skala“ auch die Zufriedenheit auf einer „Z-Skala“ von 0-10 im Hinblick auf die Vorschläge zu erheben.

Ausdrücklich kündigen wir dieses Konsensieren als Stimmungsbild an. Anschließend sprechen wir mit der Gruppe darüber, was ihnen dieses Bild sagt. Und so manches Mal gab es nach dem klassischen Konsensieren über Widerstand einen klaren Favoriten, eben den mit dem geringsten Widerstand… aber auch mit einer überschaubaren Zufriedenheit zwischen 3 und 5, was nun wirklich nicht für Begeisterung spricht. Dagegen gab es meistens ein oder zwei Optionen, wo es eine deutliche Gruppenzufriedenheit gab, allerdings auch den Widerstand einzelner. Hier lohnt es sich unserer Erfahrung nach hinzuschauen, ob und wenn ja wie der Vorschlag verändert werden könnte, damit der Widerstand bei diesen Menschen sinkt.

Beispielweise hatte eine Gruppe den Titel einer Veranstaltung auf beiden Skalen konsensiert. Es gab einen nüchtern-sachlichen Titelvorschlag, der im systemischen Konsensieren mittels Widerstand klar „gewonnen“ hätte, denn gegen diesen Titel gab es quasi keinerlei Widerstand in der Gruppe. Interessanter Weise war jedoch auch die Zufriedenheit mit diesem Titelvorschlag denkbar gering. Dagegen wurde ein Titel von mehr als zwanzig Teilnehmenden mit 8-10 auf der Zufriedenheitsskala bepunktet – und damit weit höher als alle anderen Titel –, aber einige Teilnehmende punkteten einen Widerstand von 9 und dementsprechend eine Zufriedenheit von 1. Auf Nachfrage wurde deutlich, dass sie sich lediglich an einem Adjektiv im Titel störten, das den anderen wiederum auf Nachfrage nicht wichtig war. Das Streichen dieses Adjektivs ließ ihren Widerstand sinken und erhöhte ihre Zufriedenheit und führte schlussendlich zu einem für die Gesamtgruppe deutlich zufriedenstellenderen Ergebnis. Aus dieser Zufriedenheit wiederum erwuchs spürbare Vorfreude auf die Veranstaltung, und es entstand eine geschäftige Umsetzungsdynamik in der Gruppe.

Vielleicht haben Sie ja Lust, dieses systemische Konsensieren mit doppelter Blickrichtung selbst einmal auszuprobieren? Ich wünsche viel Freude dabei!

Letzte Änderung am 12. Dezember 2018
Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

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