Silke Freitag

Silke Freitag

… beschäftigt sich als freiberufliche Mediatorin seit über zwanzig Jahren leidenschaftlich mit Konflikten in und zwischen Organisationen sowie im öffentlichen Bereich. Sie vermittelt Handwerk und Kunst der Mediation an der Universität Hamburg, am Institut für Konfliktaustragung und Mediation sowie der KURVE Wustrow. Sie liebt bei alldem die Balance aus Bewährtem und Neuem. Gemeinsam mit geschätzten KollegInnen erprobt sie in Mediation und Ausbildung Neues, verwirft manches und entwickelt anderes weiter. Mit Freude reflektiert sie diese Erfahrungen - sehr gern auch schreibend.

Ein angeregter Kneipenabend mit einer Kollegin. Sie arbeitet seit Jahrzehnten als Mediatorin und bildet fast genauso lange Mediator*innen aus. Als sie mir erzählte, dass sie noch nie selbst als Mediandin an einer Mediation beteiligt war, hätte ich ihr vor lauter Überraschung fast mein Bier ins Gesicht geprustet. Wie bitte?! Als sie mir auch noch versicherte, dass sie damit nun wirklich nicht allein sei, sondern die Ausbilder*innen, die selbst Erfahrung als Mediand*innen hätten, ihrem Eindruck nach sogar in der Minderzahl seien, war ich erst einmal sprachlos.

Offen gestanden hatte ich mir die Frage nie gestellt, ob ich als Mediatorin und Ausbilderin selbst Mediationserfahrung als Mediandin haben sollte. Es erschien mir schlicht selbstverständlich, dass dem so ist: Jeder Mensch hat schließlich Konflikte. Als Mediatorin bin ich überzeugt von der Wirkkraft der Mediation und insofern nutze ich sie natürlich zur Klärung meiner eigenen Konflikte, wenn mir Unterstützung von außen sinnvoll erscheint.
Diese vielfältigen Erfahrungen möchte ich in der Tat nicht missen: Mal ganz abgesehen davon, dass ich mit Hilfe von Mediationen für unterschiedlichste Konflikte einen überaus zufriedenstellenden Umgang gefunden habe, habe ich auch als Mediatorin und Ausbilderin eine Menge aus diesen Mediationen gelernt:

Beispielsweise habe ich als Psychologin das Recht als Bezugspunkt in Mediationen früher eher belächelt und mich förmlich um Fälle gedrückt, in denen das Recht eine Rolle spielen könnte. Als Mediationspartei habe ich es jedoch als außerordentlich wohltuend erlebt, als die Mediatorin mit juristischem Hintergrund zu unserer völligen Ratlosigkeit bezüglich des angemessenen Umgangs mit unserem Problem fragte: "Möchtet ihr hören, wie ein Gericht vermutlich in eurem Fall entscheiden würde?" Ihre Ausführungen führten bei mir zu der Erkenntnis, wie geradezu weise Richter*innen in dieser Frage in der Vergangenheit entschieden haben und dass dies tatsächlich ein außerordentlich kreativer, von uns beiden als fair empfundener Kompromiss wäre. - Und ich muss gestehen, dass sich mein Verhältnis zum Recht in der Mediation deutlich verändert hat.
Das Erleben, wie unangenehm es dagegen selbst als Nichtbetroffene ist, wenn persönliche Angriffe im Rahmen einer Gruppenmediation vom Mediator nicht unterbunden, sondern quasi "überhört" werden, hat mich darin bestärkt, lieber einmal zu viel als zu wenig bei verbalen Grenzüberschreitungen zu intervenieren.

Zu guter Letzt habe ich mein Methodenrepertoire durch meine Erfahrungen als Mediandin erweitert: Meine favorisierte Bepunktungsmethode zur Priorisierung von Konfliktthemen ist mir beispielsweise auf diesem Weg begegnet.

Zutiefst überzeugt werbe ich deshalb bei meinen Ausbildungsteilnehmenden dafür, im Sinne eines soliden Nährbodens selbst Erfahrung als Mediand*innen zu sammeln. - Und falls Sie, verehrte Leser*innen, bis heute nicht selbst an einer Mediation teilgenommen haben sollten, möchte ich Sie ermuntern: Es ist zum Glück nie zu spät!

Seit einigen Jahren mediiere ich im öffentlichen Bereich. Meist werde ich gerufen, wenn der Konflikt auch medial bereits Wogen geschlagen hat und dementsprechend sind die öffentlichen Veranstaltungen nicht nur seitens der Bevölkerung, sondern auch seitens der Presse beim Auftakt durchaus gut besucht. Es scheint eine deutliche Korrelation zu geben: Je eskalierter der Konflikt, desto mehr Pressevertreter*innen kommen.

In den Medien ist im Zusammenhang mit Auftaktveranstaltungen in der Regel von "angespannter Stimmung im Raum" oder "empörten Wortäußerungen" die Rede. Zweifelsfrei ist da etwas dran: Zu Beginn eines Dialogs ist der Ton in der Tat oftmals nicht der freundlichste, es fehlt allen Beteiligten (noch) am Glauben, dass im Rahmen eines Dialogs Einigungen erzielt werden könnten und das Verstehen der Gegenseite ist bei den meisten Teilnehmenden nicht besonders ausgeprägt. Insofern durchaus eine treffende Berichterstattung.

Was mich über die Jahre allerdings beunruhigte, ist die Tatsache, dass die oftmals in vielen Dialog-Sitzungen hart erarbeiteten Einigungen der Presse am Ende kaum eine Berichterstattung  mehr wert zu sein schienen. Da machen sich Bürger*innen in ihrer Freizeit die Mühe, gesellschaftliche Konflikte für das Gemeinwesen zur größtmöglichen Zufriedenheit aller zu lösen, finden letztlich einen, vorher kaum für möglich erachteten Konsens - und dann wird darüber kaum oder schlimmstenfalls gar nicht berichtet.

Wie erfreut war ich, als ich neulich bei ndr-info ein Radiofeature über eine gelungene Konfliktklärung hörte. Und noch erfreuter, als ich vor einigen Tagen unsere Lokalzeitung aufschlug, die seit Jahren engagiert über den eskalierten Konflikt  um eine Ortsumgehung schreibt. Dort  fand ich gleich auf der Titelseite einen ausführlichen Bericht darüber, wie im Rahmen einer Bürgerwerkstatt und einer anschließenden Ratswerkstatt eine solide Einigung für diesen jahrzehntelangen Konflikt erlangt wurde.

Mediationen im öffentlichen Bereich sind auf diese kontinuierliche Berichterstattung in der (lokalen) Presse angewiesen. Nur so kann meines Erachtens eine solide Verankerung des Dialogs mit seinen Ergebnissen im Gemeinwesen gelingen. Wie schön, dass Sender und Verlage langsam damit beginnen, auch über errungene Einigungen zu berichten statt ausschließlich eskalierten Konflikten Raum geben. Erst durch das Wissen um erfolgreiche Vereinbarungen kann ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entstehen, welche Vorteile und Chancen diese zuweilen durchaus mühsamen Aushandlungsprozesse bieten. Dafür ist es unerlässlich, dass über deren Erfolge und nicht nur über die Probleme berichtet wird.

Bei vielen gehörten Worten rattert in den Köpfen unbewusst sofort eine Assoziations- und Interpretationsmaschinerie los… Als Psychologin mache ich mir bewusst, dass sofort bestimmte „frames“ getriggert werden: Worte können so blitzschnell zu empfundenen Abwertungen, Verharmlosungen oder Diskriminierungen werden. Für mich als Mediatorin bedeutet dies, insbesondere bei eskalierten, identitätsbasierten Konflikten meine Worte sehr bewusst zu wählen, um im Sinne der Wahrung meiner Allparteilichkeit möglichst für alle Beteiligten neutrale Formulierungen zu nutzen.

Angeregt durch den Beitrag von Sascha, ob wir als Mediator*innen eine geheime Agenda verfolgen, erinnerte ich mich an einen Mediationsauftrag. Dieser hat mich nach vielen Jahren der erfahrungsbasierten Überzeugung: „Trennung ist so manches Mal die allerbeste unter den schlechten Optionen!“ noch einmal in innere Arbeit gebracht.