„Ismus“-Vorwürfe aufgreifen – zur kommunikativen Eskalation von Konflikten in Gruppen

07. Juni 2021, geschrieben von 

Konfliktmoderator*innen erleben nicht selten, dass Konfliktparteien sich im Eifer des Konfliktes wechselseitig negative Weltanschauungen vorwerfen. Man erkennt diese Vorwürfe daran, dass die jeweilige Weltanschauungsbezeichnung ein „-ismus“ aufweist und offensichtlich negativ gemeint ist („Wohlfahrtstourismus“, „Rassismus“ usw.). Unterschiedliche Auffassungen von der richtigen Weltsicht erzeugen als Intragruppenkonflikte oft erhebliche Unsicherheit innerhalb der Gruppe. Sie fördern bei Gruppenmitgliedern Gemeinschafts- und Zugehörigkeitszweifel, lösen Berührungsbefürchtungen aus und setzen erhebliche Energie zur kognitiven Abwehr frei. Sie können Gruppen spalten und zu Intergruppenkonflikten werden, in denen die ursprünglichen Ambivalenzen aus der einst gemeinsamen Gruppe einen für Außenstehende schwer verständlichen Hass aufeinander erzeugen. Dies belegen schmerzhafte Spaltungsprozesse in Familien und  politischen Parteien ebenso wie die Konfliktgeschichte des Christentums. Für die moderative Konfliktbehandlung scheint es daher sinnvoll, die konfliktverschärfende Kraft der Kommunikation über eine unterschiedliche Weltsicht genau in den Blick zu nehmen.

Der innere Prozess kann dabei wie folgt beschrieben werden: Wenn es mir als Mitglied einer Gruppe gelingt, ein anderes Mitglied „meiner“ Gruppe, das in meiner Wahrnehmung „abweichend“ spricht oder handelt, durch einen in der Gruppe negativ bewerteten „Ismus“ zu etikettieren, kann ich eigene unangenehme Ambiguitätsgefühle abwehren und kognitive Unsicherheit vermeiden. Allgemein gesagt: Die Zuschreibung einer bedeutsamen Fehlhaltung bei anderen verringert bei den etikettierenden Gruppenmitgliedern das unangenehme Gefühl von Zweifel (kognitiver Unsicherheit). Zugleich steigert es das Gefühl kognitiver Gewissheit über die soziale Richtigkeit der eigenen Weltsicht. Damit kann eine Distanzierung vom etikettierten Mitglied begründet und Gleichsetzungsbefürchtungen gemildert werden. In der Markierung der Fehlhaltung des anderen Gruppenmitglieds schreiben sich die etikettierenden Gruppenmitglieder implizit die entgegengesetzte Werthaltung zu.

Diese Etikettierung ist oft ein kommunikativ-generalisierender Sprung vom Einzelverhalten zu einer Eigenschaftszuschreibung und im Weiteren zu einer Persönlichkeitsdiagnose. Sie greift das gewünschte Selbstbild und damit die Identität des beurteilten Gruppenmitglieds an. Ismus-Etikettierungen verschärfen m.E. mit hoher Wahrscheinlichkeit einen möglichen Intra-Gruppen-Konflikt mit Hilfe von fünf Eskalationsfaktoren. Die Etikettierung wird…

  1. .…. als verallgemeinernd erlebt. Die Verallgemeinerung ist oft vierfach: Das Etikett ist zeit- und situationsübergreifend („immer und überall“). Es wird aus einzelnen, gut erkennbaren Merkmalen („Stigmata“) auf weite Teile der (nicht beobachtbaren) Persönlichkeit bzw. die gesamte Person geschlossen. Schließlich bezeichnet es personenübergreifend alle „anderen“, die der Ismus-Gruppe zugeordnet werden. Das etikettierte Mitglied erlebt sich mit dem gesichtslosen Gruppenetikett gleichgesetzt. Diese Verallgemeinerung bedroht sein Selbstbild.
  2. … als feststehende Persönlichkeitsdiagnose erlebt: Sie ist die Zuschreibung einer tiefliegenden und damit schwer veränderlichen Persönlichkeitseigenschaft. Im Extremfall wird damit die Gesamtpersönlichkeit bezeichnet („Charakter“). Damit wird vom Gruppenmitglied implizit eine umfassende Veränderung gefordert, die von dem Betroffenen viel Anstrengung erfordert.
  3. … als Bedrohung der Selbstbestimmung erlebt. Wer andere in ihren Wert- und Fehlhaltungen diagnostiziert, schreibt sich selbst zugleich den Status zu, Persönlichkeitseigenschaften anderer benennen und bewerten zu dürfen (und zu können). Der hohe Wert der Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft und das damit verbundene Selbstbestimmungsbedürfnis der beurteilten Person macht diese Persönlichkeitsetikettierung zu einem Angriff auf die Selbstbestimmung. Die Auseinandersetzung geht damit immer auch um den Erhalt der Selbstbestimmungskompetenz.
  4. … als Dominanz-Beziehung erlebt: Es gibt ein beurteilendes Subjekt mit einseitiger Deutungshoheit und ein beurteiltes Objekt. Damit droht dem etikettierten Gruppenmitglied ein benachteiligendes Machtgefälle, das ebenfalls abgewehrt werden muss.
  5. … als Ausgrenzungsbedrohung erlebt: Die Etikettierung eines Gruppenmitglieds durch ihre abweichendem Fehlhaltungen greift auf Normen und Wertvorstellungen der Gruppe zurück. Damit wird auf das etikettierte Mitglied Konformitätsdruck ausgeübt. Wem die Ausgrenzung aus der eigenen Gruppe droht, muss viel Energie für verschiedene Abwehrstrategien aufbringen, um sich zu rechtfertigen. Dies trägt zum Konflikteskalationspotenzial erheblich bei. Zugleich gewinnt die Möglichkeit der Ausgrenzung generell in der Gruppe an Bedeutung und schwächt das gegenseitige Vertrauen aller.

Fazit: Ein Ismus-Vorwurf vereinigt somit die Kraft der wichtigsten Eskalationsfaktoren in einem Wort und wird wahrscheinlich einen intensiven Konflikt zur Folge haben. Daher sollten Konfliktmoderator*innen solche Vorwürfe beim ersten Auftreten als Identitätsbedrohung und erheblichen Eskalationsschritt erkennen und ihre Intervention in der Folge darauf ausrichten, dass sie zurückgenommen und sozialverträglicher formuliert werden. Damit können sie die Konfliktparteien wieder auf die weniger eskalierten Konfliktstufen von Verhaltensvorwürfen zurückführen. Ich habe gute Erfahrungen mit folgendem Vorgehen gemacht:

  1. Den Vorwurf zum Thema machen: „Dieser …ismus-Vorwurf scheint mir sehr schwer und Sie (etikettierte Partei) lehnen ihn ab. Ich schlage dringend vor, dass Sie nicht wie bei einer Nebensache darüber hinweggehen, sondern ihn als Konfliktthema anerkennen und tiefergehend behandelt. Sind alle damit einverstanden?“ (ggf. das folgende Vorgehen kurz skizzieren, damit die Parteien wissen, worauf sie sich einlassen).
  2. Die etikettierte Partei nach der Wirkung des Vorwurfs befragen: „Wie reagieren Sie innerlich darauf?“ Meist wird dann deutlich, dass sie zu Gegenvorwürfen tendiert und die andere Seite ebenfalls negativ etikettiert.
  3. Mit der etikettierenden Partei, klären, was sie genau mit dem …ismus-Vorwurf meint. (Und zugleich die etikettierte Partei fragen, ob sie 10 Minuten zuhören kann, bis sie drankommt.) Dabei kommt es oft zu einer abgestuften Konkretisierung von der allgemeinsten Ebene der Gruppen-Etikettierung über Eigenschaftszuschreibungen zur „Interaktion-in-Situation“: „Worin drückt sich der …ismus denn konkret aus?“ Oft werden dann negative Eigenschaften genannt. – „Um noch konkreter zu werden: An welchem Verhalten erkennen Sie die xy-Eigenschaft?“ Auf die konkreteste Stufe zielt die Frage nach einer Beispielsituation: „Haben Sie dafür ein typisches Beispiel?“
  4. Wiederholung von (3) mit den Gegenvorwürfen der etikettierten Seite.
  5. Übergang zur Lösungsarbeit: Anhand der Beispiele wird oft die Interaktion zwischen den Parteien deutlich, auf deren Veränderung die Lösungsarbeit ausgerichtet werden kann: „Wollen Sie, dass es weiter so abläuft?“ – „An welchen Stellen der Interaktion sollten Sie etwas ändern?“ – „Was könnten Sie an Ihrem Verhalten ändern?“ Dabei kann auch zur Absprache kommen, dass die Parteien Ismus-Vorwürfe vermeiden, indem sie frühzeitig über problematische Interaktionen reden.
Letzte Änderung am 14. Juni 2021
Alexander Redlich

… ist Professor (i. R.) für Pädagogische Psychologie und hat Psychologe, Sozialpädagogik, Lehramt studiert. Er ist Mediator und Ausbilder BM®, wissenschaftlicher Leiter der Ausbildung "Konfliktberatung und Mediation" an der Universität Hamburg und seit Gründung im Vorstand von KOMET.
Seine Forschung und Lehre bezogen sich auf die Beratung von Lehrkräften und Schulklassen, ausgrenzungsgefährdete Kinder und ihre Familien, Dynamik von Arbeitsgruppen und Führung in Wirtschafts- und Verwaltungsorganisationen. Seit 10 Jahren geht es um Werte und Normen großer Gruppen. Dabei standen immer Kommunikation, Kooperation und Konfliktbewältigung in und zwischen den Mitgliedern menschlicher Gruppen im Mittelpunkt - nach dem Motto "Am Anfang war die Gruppe".

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Silke Freitag 10. Juni 2021 gepostet von Silke Freitag

    Lieber Alex,
    hab Dank für Deinen Beitrag zur Dynamik, wenn ein -ismus-Vorwurf im Raum ist.

    Ich werde als Mediatorin so manches Mal in solchen Situationen gerufen und teile deine Einschätzung, dass ein derart eskalierter Vorwurf definitiv eine Störung ist, die in einer Konfliktmoderation Vorrang erhalten sollte und sofort bearbeitet werden muss, weil sonst das Adrenalin derart Blasen schlägt, dass eine Weiterarbeit an anderen Themen sowieso nicht möglich ist.

    Was mir in deinem Beitrag ein bisschen zu kurz kommt ist allerdings der Umstand, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von beabsichtigten und unbeabsichtigten Alltagssexismus und -rassismus sowie anderen Diskriminierungen geprägt ist. Wir alle- die Konfliktparteien ebenso wie wir Mediator*innen- haben diese leider erlebt, erlitten und in Teilen verinnerlicht.– Die meisten von uns haben somit im Hinblick auf Diskriminierungen sowohl Täter*innen- als auch Opfererfahrungen. Eine Einladung an uns alle zum lebenslangen Verlernen!

    Solange ich es mit Menschen zu tun habe, die sich deutlich auf dem Boden des Grundgesetzes befinden und nicht diskriminieren wollen, habe ich deshalb gute Erfahrungen damit gemacht, den globalen geteilten Wert einmal in aller Deutlichkeit in den Raum zu stellen: „Allen Beteiligten ist es ausdrücklich wichtig, eine inklusive Gruppe im Hinblick auf … zu seien.“ – Danach nehme ich jedoch den Vorwurf sehr ernst: Nicht etwa im Hinblick auf eine Person, sondern auf die Bewertung von Verhaltensweisen einer Person. Ich durfte in den letzten Jahren sehr viel von und mit Gruppen hierzu lernen, wenn wir dies in Ruhe betrachteten. Bislang gab es tatsächlich jedes Mal einen kritischen Punkt, der zu dieser zugespitzten Bewertung geführt hat und anschließend einen anderen Umgang mit solchen Situationen.

    Meinem Eindruck nach braucht es leider manchmal in Gruppen die deutliche Eskalation über einen ismus-Vorwurf, damit Missstände in einer Gruppe gesehen, ernst genommen, besprochen und anders miteinander vereinbart werden können. In der Regel haben die Personen, die diese ismus-Vorwürfe äußern, nämlich vorher bereits mehrfach Kritik adressiert, bevor sie zur verbalen „Keule“ greifen. – Sie wurden nur schlicht nicht gehört.

    Wichtig ist mir, dass ich mich als Mediatorin dabei nicht am sogenannten „Tone-Policing“ („Aber nicht in diesem Ton!“) der Mehrheitsgesellschaft gegenüber marginalisierten Minderheiten beteilige. Menschen, die im Alltag immer wieder diskriminiert werden, haben mein Verständnis dafür, laut zu werden, wenn sie in einer Gruppe tatsächlich diskriminiert werden oder sich auch nur diskriminiert fühlen.

    Gerade in diesen Situationen brauchen wir meiner Meinung nach eine besonders klare Haltung der Allparteilichkeit, indem wir einerseits das Leid von Personen anerkennen, die unter tatsächlicher oder vermuteter Diskriminierung leiden und andererseits das Leid der Person sehen, die sich durch einen ismus-Vorwurf diffamiert fühlt.

    Ich freue mich auf weiteren Austausch mit dir zu diesem wichtigen Thema!

    Solidarische Grüße
    Silke

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