„Alle gegen einen!“– Knifflige Verfahrens­fragen in der Mediation asymmetrischer Konflikte

16. November 2017, geschrieben von 

Zu den Besonderheiten von Mediationen in Gruppen gehört, dass sich in jeder Phase ein starkes Ungleichgewicht zeigen kann – dazu drei Beispiele: 

Im Vorgespräch für die Klärung eines Dauerkonfliktes in einer Abteilungsleiterrunde sagt der Vorgesetzte, dass Entscheidungen oft mit 11 Ja-Stimmen, 2 Nein-Stimmen und 0 Enthaltungen getroffen werden. Er fügt hinzu, dass es sich immer um dieselben beiden (älteren) Personen handele, die gegen die Vorhaben der (jüngeren) Mehrheit stimmten. Die beiden lägen außerdem oft miteinander im Streit.

In der Themensammlung mit einem pädagogischen Team wird eine umgekehrte Dynamik deutlich: Es werden alle Vorschläge eines Teammitglieds abgebügelt. Dieses fühlt sich ausgegrenzt. Aus Sicht des restlichen Teams ist der (traditionelle) Erziehungsstil dieses Teammitglieds nicht mehr vertretbar, der sich in seinen Vorschlägen widerspiegelt.

In einer konflikthaften Psychotherapie-Ausbildungsgruppe merkte ich erst bei der Behandlung der Hintergründe der Konfliktthemen, dass irgendwie etwas anderes „in der Luft hing“ und sprach dies an. Da fasste sich eine Teilnehmerin ein Herz und sagte, dass eine andere Teilnehmerin ein massives Alkoholproblem hätte. Alle anderen wären ebenfalls der Auffassung, dass sie dieses erst einmal bearbeiten sollte, bevor sie mit der Psychotherapieausbildung fortfahren könnte.

Solche zahlenmäßigen Machtgefälle in der Mediation bei Intragruppenkonflikten kommen immer wieder vor: Wenn es nicht schon von Anfang klar ist, merkt man bald, dass es um einen Konflikt zwischen einem oder zwei Teammitgliedern und der Mehrzahl der anderen geht. Als Mediator stehe ich dann vor der kniffligen Frage, wie ich mit diesem Machtgefälle umgehe und auf welchen Grundsätzen ich meine Arbeit aufbaue.

In der Theorie finden sich dazu sehr verschiedene Perspektiven: Die einen setzen darauf, mit der gesamten Arbeitsgruppe weiter zu arbeiten, weil das gesamte Potenzial der Gruppe genutzt werden sollte , damit alle den Mediationsprozess mitbekommen und daher am Ende motiviert sind, das Mediationsergebnis mitzutragen. Die anderen setzen darauf, mit der einzelnen Person und einem oder mehreren Delegierten der Gesamtgruppe nach dem Grundsatz des Machtgleichgewichts zu arbeiten, um den Einzelnen vor dem traumatischen Erlebnis der Ausgrenzung durch die Mehrheit zu schützen. Wieder andere setzen darauf, zwischen den getrennten Parteien in einem Pendelverfahren („Caucus“) zu vermitteln.

Habe ich hier schon die Qual der methodischen Wahl, stellt sich darüber hinaus die übergeordnete Frage der „Regie“: Wer soll das entscheiden? Die Mehrheit, die betroffene Minderheit, die Mediationsfachkraft, der Auftraggeber? Oder soll das Format von allen verhandelt werden?

Immer wieder sinne ich in solchen Situationen nach - mehr dazu bald in einem weiteren Beitrag. Wie halten Sie es in diesen Situationen?

Letzte Änderung am 16. Dezember 2017
Alexander Redlich

… ist Professor (i. R.) für Pädagogische Psychologie und hat Psychologe, Sozialpädagogik, Lehramt studiert. Er ist Mediator und Ausbilder BM®, wissenschaftlicher Leiter der Ausbildung "Konfliktberatung und Mediation" an der Universität Hamburg und seit Gründung im Vorstand von KOMET.
Seine Forschung und Lehre bezogen sich auf die Beratung von Lehrkräften und Schulklassen, ausgrenzungsgefährdete Kinder und ihre Familien, Dynamik von Arbeitsgruppen und Führung in Wirtschafts- und Verwaltungsorganisationen. Seit 10 Jahren geht es um Werte und Normen großer Gruppen. Dabei standen immer Kommunikation, Kooperation und Konfliktbewältigung in und zwischen den Mitgliedern menschlicher Gruppen im Mittelpunkt - nach dem Motto "Am Anfang war die Gruppe".

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