Ein angeregter Kneipenabend mit einer Kollegin. Sie arbeitet seit Jahrzehnten als Mediatorin und bildet fast genauso lange Mediator*innen aus. Als sie mir erzählte, dass sie noch nie selbst als Mediandin an einer Mediation beteiligt war, hätte ich ihr vor lauter Überraschung fast mein Bier ins Gesicht geprustet. Wie bitte?! Als sie mir auch noch versicherte, dass sie damit nun wirklich nicht allein sei, sondern die Ausbilder*innen, die selbst Erfahrung als Mediand*innen hätten, ihrem Eindruck nach sogar in der Minderzahl seien, war ich erst einmal sprachlos.

Offen gestanden hatte ich mir die Frage nie gestellt, ob ich als Mediatorin und Ausbilderin selbst Mediationserfahrung als Mediandin haben sollte. Es erschien mir schlicht selbstverständlich, dass dem so ist: Jeder Mensch hat schließlich Konflikte. Als Mediatorin bin ich überzeugt von der Wirkkraft der Mediation und insofern nutze ich sie natürlich zur Klärung meiner eigenen Konflikte, wenn mir Unterstützung von außen sinnvoll erscheint.
Diese vielfältigen Erfahrungen möchte ich in der Tat nicht missen: Mal ganz abgesehen davon, dass ich mit Hilfe von Mediationen für unterschiedlichste Konflikte einen überaus zufriedenstellenden Umgang gefunden habe, habe ich auch als Mediatorin und Ausbilderin eine Menge aus diesen Mediationen gelernt:

Beispielsweise habe ich als Psychologin das Recht als Bezugspunkt in Mediationen früher eher belächelt und mich förmlich um Fälle gedrückt, in denen das Recht eine Rolle spielen könnte. Als Mediationspartei habe ich es jedoch als außerordentlich wohltuend erlebt, als die Mediatorin mit juristischem Hintergrund zu unserer völligen Ratlosigkeit bezüglich des angemessenen Umgangs mit unserem Problem fragte: "Möchtet ihr hören, wie ein Gericht vermutlich in eurem Fall entscheiden würde?" Ihre Ausführungen führten bei mir zu der Erkenntnis, wie geradezu weise Richter*innen in dieser Frage in der Vergangenheit entschieden haben und dass dies tatsächlich ein außerordentlich kreativer, von uns beiden als fair empfundener Kompromiss wäre. - Und ich muss gestehen, dass sich mein Verhältnis zum Recht in der Mediation deutlich verändert hat.
Das Erleben, wie unangenehm es dagegen selbst als Nichtbetroffene ist, wenn persönliche Angriffe im Rahmen einer Gruppenmediation vom Mediator nicht unterbunden, sondern quasi "überhört" werden, hat mich darin bestärkt, lieber einmal zu viel als zu wenig bei verbalen Grenzüberschreitungen zu intervenieren.

Zu guter Letzt habe ich mein Methodenrepertoire durch meine Erfahrungen als Mediandin erweitert: Meine favorisierte Bepunktungsmethode zur Priorisierung von Konfliktthemen ist mir beispielsweise auf diesem Weg begegnet.

Zutiefst überzeugt werbe ich deshalb bei meinen Ausbildungsteilnehmenden dafür, im Sinne eines soliden Nährbodens selbst Erfahrung als Mediand*innen zu sammeln. - Und falls Sie, verehrte Leser*innen, bis heute nicht selbst an einer Mediation teilgenommen haben sollten, möchte ich Sie ermuntern: Es ist zum Glück nie zu spät!

Die wachsende Bekanntheit und Akzeptanz von Mediation können – so scheint es mir mit Blick auf einige meiner Auftragsklärungen der letzten Zeit – für uns Mediatoren paradoxerweise neue Hürden bereithalten. Mediation hat, insbesondere in Unternehmen, mittlerweile einen derart guten Ruf, dass es bisweilen für die Parteien in einem Konflikt nicht mehr opportun erscheint, ehrlich zu sagen, wenn sie nicht zu einer Mediation bereit sind oder es nicht für das geeignete Verfahren halten.

Der Weg zum ersten Mediationstermin kann sehr verschieden sein. Mal geht es (überraschend) schnell zwischen der ersten Kontaktaufnahme und dem Termin, bei dem sich alle relevanten Konfliktbeteiligten gemeinsam mit der Mediatorin in einem Raum befinden und in die Klärung starten. Mal verstreicht sehr viel Zeit, sind viele Einzelgespräche zu führen, die Eignung des Mediationsverfahrens gründlich abzuwägen, Bedenkzeiten einzuräumen oder möglicherweise langwierige Verhandlungen über die wesentlichen Rahmenbedingungen einer Mediation zu führen. Sowohl auf den kurzen wie den langen Wegen kann so einiges dazwischen kommen und verhindern, dass eine Mediation zustande kommt.

Ein wesentliches Wirkprinzip der Mediation basiert darauf, dass Menschen (wieder) dazu in die Lage versetzt werden, die Sicht des anderen nachvollziehen zu können, ihre eigene Perspektive und die des anderen einnehmen zu können, mehr als eine Sicht auf die Situation, den Konflikt und die jeweiligen Anliegen der Beteiligten zu sehen. Wie dies gelingen kann, ist ein maßgeblicher Teil von Mediationsausbildungen und oft im Kern der Faszination für dieses Verfahren.

Mediatoren kennen die Situation nur zu gut: Gefragt, was sie beruflich machen, antworten sie „Mediation“. Und schauen dann ganz genau hin, wie ihr Gegenüber reagiert: Kennt mein Gegenüber diesen Begriff? Und kann er ihn einigermaßen treffsicher mit Leben füllen? Oder liegt die in vielen Anekdoten verbriefte Verwechslung mit „Meditation“ vor, die sogleich zu korrigieren wäre?  Rasch wird ein erklärendes „Ich beschäftige mich mit der Klärung von Konflikten“ oder „Das heißt, ich unterstütze Menschen in Konflikten dabei, selbstverantwortlich eine interessengerechte Lösung zu entwickeln“ hinzugefügt.

Der Anfang ist immer das Entscheidende; hat man's darin gut getroffen, so muß der Rest mit einer Art von innerer Notwendigkeit gelingen…


(Theodor Fontane)

Es gehört zum Alltag einer Mediatorin bei Anfragen nach Mediation relativ zügig und unvermittelt recht viel von einer mir gerade noch unbekannten Person zu erfahren. Jemand ruft mich an, weil er auf der Suche nach Unterstützung in einem Konflikt ist. Er hat vielleicht länger überlegt, ob Mediation das richtige sein könnte. Hat recherchiert, wer dafür in Frage kommen könnte – oder eine Empfehlung eingeholt. Hat innerlich schon formuliert, was er sagen und fragen möchte. Ich als Mediatorin bin gerade mittendrin in irgendeiner Aufgabe in meinem Büro, wenn das Telefon klingelt. Und dann ist da oft ein großes Mitteilungsbedürfnis – zu erzählen, was passiert ist, was einen belastet und was den Konflikt so schwierig, ja unerträglich macht. Zu fragen, ob und wie Mediation hilfreich sein könnte. Rat zu erhalten, wie denn die andere Person für eine Mediation gewonnen werden könnte. Dann gilt es, eine gute Balance aus „Ins-Gespräch-Kommen“ und „Nicht-Zuviel-Erfahren“ miteinander zu finden.