Die wachsende Bekanntheit und Akzeptanz von Mediation können – so scheint es mir mit Blick auf einige meiner Auftragsklärungen der letzten Zeit – für uns Mediatoren paradoxerweise neue Hürden bereithalten. Mediation hat, insbesondere in Unternehmen, mittlerweile einen derart guten Ruf, dass es bisweilen für die Parteien in einem Konflikt nicht mehr opportun erscheint, ehrlich zu sagen, wenn sie nicht zu einer Mediation bereit sind oder es nicht für das geeignete Verfahren halten.

Der Weg zum ersten Mediationstermin kann sehr verschieden sein. Mal geht es (überraschend) schnell zwischen der ersten Kontaktaufnahme und dem Termin, bei dem sich alle relevanten Konfliktbeteiligten gemeinsam mit der Mediatorin in einem Raum befinden und in die Klärung starten. Mal verstreicht sehr viel Zeit, sind viele Einzelgespräche zu führen, die Eignung des Mediationsverfahrens gründlich abzuwägen, Bedenkzeiten einzuräumen oder möglicherweise langwierige Verhandlungen über die wesentlichen Rahmenbedingungen einer Mediation zu führen. Sowohl auf den kurzen wie den langen Wegen kann so einiges dazwischen kommen und verhindern, dass eine Mediation zustande kommt.

Ein wesentliches Wirkprinzip der Mediation basiert darauf, dass Menschen (wieder) dazu in die Lage versetzt werden, die Sicht des anderen nachvollziehen zu können, ihre eigene Perspektive und die des anderen einnehmen zu können, mehr als eine Sicht auf die Situation, den Konflikt und die jeweiligen Anliegen der Beteiligten zu sehen. Wie dies gelingen kann, ist ein maßgeblicher Teil von Mediationsausbildungen und oft im Kern der Faszination für dieses Verfahren.

Mediatoren kennen die Situation nur zu gut: Gefragt, was sie beruflich machen, antworten sie „Mediation“. Und schauen dann ganz genau hin, wie ihr Gegenüber reagiert: Kennt mein Gegenüber diesen Begriff? Und kann er ihn einigermaßen treffsicher mit Leben füllen? Oder liegt die in vielen Anekdoten verbriefte Verwechslung mit „Meditation“ vor, die sogleich zu korrigieren wäre?  Rasch wird ein erklärendes „Ich beschäftige mich mit der Klärung von Konflikten“ oder „Das heißt, ich unterstütze Menschen in Konflikten dabei, selbstverantwortlich eine interessengerechte Lösung zu entwickeln“ hinzugefügt.

Der Anfang ist immer das Entscheidende; hat man's darin gut getroffen, so muß der Rest mit einer Art von innerer Notwendigkeit gelingen…


(Theodor Fontane)

Es gehört zum Alltag einer Mediatorin bei Anfragen nach Mediation relativ zügig und unvermittelt recht viel von einer mir gerade noch unbekannten Person zu erfahren. Jemand ruft mich an, weil er auf der Suche nach Unterstützung in einem Konflikt ist. Er hat vielleicht länger überlegt, ob Mediation das richtige sein könnte. Hat recherchiert, wer dafür in Frage kommen könnte – oder eine Empfehlung eingeholt. Hat innerlich schon formuliert, was er sagen und fragen möchte. Ich als Mediatorin bin gerade mittendrin in irgendeiner Aufgabe in meinem Büro, wenn das Telefon klingelt. Und dann ist da oft ein großes Mitteilungsbedürfnis – zu erzählen, was passiert ist, was einen belastet und was den Konflikt so schwierig, ja unerträglich macht. Zu fragen, ob und wie Mediation hilfreich sein könnte. Rat zu erhalten, wie denn die andere Person für eine Mediation gewonnen werden könnte. Dann gilt es, eine gute Balance aus „Ins-Gespräch-Kommen“ und „Nicht-Zuviel-Erfahren“ miteinander zu finden.